Säure-Basen-Relation
 
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Darf die Ubersäuerung als Grundursache aller Krankheiten angesehen werden?

Von Dr. rer. nat. et Dr. med. P. G. S E E G E R, Berlin

In einer kleinen Schrift "Die Uebersäuerung als Grundursache aller Krankheiten" sagt Are Waerland: "Was die fürchterlichste Krankheit, den Krebs betrifft, so können wir sagen, daß die Übersäuerung eine der Voraussetzungen und Vorstadien dieser Krankheit ist." Das ist ein Irrtum! Tatsache ist, daß bezüglich der Geschwulstkrankheiten, das hervorstechendste Symptom bereits schon für das Vorstadium des Krebses gerade die Alkalose ist.

Aus der Zeit von 1913 bis 1940 liegen allein über 30 experimentelle Arbeiten vor, die im menschlichen Blut oder Serum Krebskranker eine Alkalose nachwiesen, die mit dem Tumorwachstum zunimmt; der pH - Weri schwankt dabei zwischen 7,4 bis 7,5 (normal 6,8 bis 7,3). In der Tumorzelle selbst besteht nach verschiedenen Autoren eine ausgeprägte Alkalose. Nach eigenen, mit Indikatorfarbstoffen an lebenden Tumorzellen durchgeführten experimentellen Untersuchungen (Seeger 1937/40), ~rgab sich für die Krebszelle ein pH von 7,3 bis 7,8, mit zunehmender Vakuolisierung bis zu 8,4 fortschreitend, während normale Zellen ein pH von 6,8 bis 7,0 aufwiesen. Leriche und Boncour bezeichnen 1951 die Steigerung der Alkalität des Blutes als das beständigste und hartnäckigste Säftesymptom der Krebskrankheit. Im Gegensatz zu einem pH von 7,35 bis 7,4 bei Gesunden fanden diese Autoren in den "Säften" bezw. im Serum Krebskranker ein pH von 7,43 bis 7,58 vorherrschend und bestätigen damit die von Brehmerschen Befunde aus dem Jahre 1933. J. Inseln betont 1953, daß der pH - Wert des strömenden Blutes bei CaTrägern regelmäßig nach der alkalischen Seite hin verschoben ist. Das beständigste und hartnäckigste Symptom der Krebskrankheit, nämlich die Alkalose, lä ßt sich also übereinstimmend sowohl in den "Säften" wie in den Tumorzellen des krebskranken Organismus feststellen, während sich sonst die Gewebe und Säfte hinsichtlich ihres bioelektriscben Potentials sehr gegensätzlich verhalten. Dieses gegensätzliche Verhalten nicht zu kennen und nicht auseinanderzuhalten, ist eben der große Fehler und Irrtum sehr vieler Menschen.

Kalium und Natrium sind im biologischen Milieu gerade Kontrahenten und besitzen eine gegensätzliche bioelektrische Ladung und Wanderungsrichtung; Kalk dagegen kommt in drei verschiedenen Zustandsformen kolloidal, als Komplexsalz und als Ion vor. Nach den Untersuchungen des englischen Arztes Dr. M. G. Good scheiden die Muskelfasern bei Rheumatismus elektrimb geladene Kallumpartlkel aus, die infolge ungen~ügender Blutzirkulation und daraus sich ergebender unzureichender Sauerstoffversorgung nicht wegtransportiert und im Muskel bezw. an den Gelenkknochenhäuten abgelagert werden und Schmerzen verursachen. Gerade das nach Waerland alkalische Salz Kallum ist also wenigstens beim Rheumatismus mit die wichtigste Ursache und das auch beim Rheumatismus hervorstechendste Zeichen der Sauerstoffnot oder Dysoxybiose u. bedingt eine Alkalone und keine Uebersäuerung.

Wenn nach den Worten von Becampe: "Tout est la proe de la vie" alles dem Leben dienen soll, so diese Polarität zwischen der positiven bloelektrischen Ladung der Gewebe und der negativen des Serums, bezw. der Säfte". Wird dieses durch die oxydo-reduktiven Prozesse im atmenden Zellprotoplasma aufrechterhaltene dynamische Gleichgewicht gestört, so kommt es zu einer Auswanderung der Gewebesalze "der negativ geladenen Kaliumgruppe" und zur Einwanderung der "positiv geladenen Säftesalze" der Natriumgruppe. Ursache des Sinkens des lebenserhaltenden" bioelektrischen Potentials ist immer eine Sauerstoffnot, bei allen Krankheiten, am ausgeprägtesten jedoch beim Krebs, weil hier lebenswichtige sauerstoffibbertragende Fermente durch in der Nahrung, Atemluft und Strahlung enthaltene karzinogenetisch wirkende Stoffe irreversibel zerstört sind.

Im normal atmenden Protoplasma der Zelle besteht bei einem pH von 6,8 inxner eine schwache Azidose, die sich höchstens bis zum Neutralpunkt verschiebt und sich rein physiologisch aus dem Atemmechanismus erklärt. Auch Im Blut ist nach allen bisherigen Kenntnissen (Sloese und Reding 1927) nur ein pH von 6,8 bis etwa 7,3 mit dem Leben vereinbar, bei extremen Werten von 7,4 bis 7,8, d. ~h. bei ausgesprochener Alkalose, sind hingegen schon allerschwerste Krankheitszustände vorhanden.

Gewiß können wir durch eine bestimmte Ernährung, z. B. mit Fleischspeisen, eine Verschiebung des pH-Wertes der Säfte nach der sauren Seite, mit pflanzlicher Kost nach der alkalischen Seite erzielen, jedoch ist diese Beeinflussung nur von untergeordneter Bedeutung, da der Organismus unter allen Umständen mit Zähigkeit das Säure-Basen-Gleichgewicht aufrechtzuerhalten bestrebt ist. Der Mechanismus ist jedoch viel komplizierter, als viele es sich träumen lassen und dürfte sich vielleicht am besten am extremen Beispiel der Alkalose beim Krebs erklären lassen. Die Wasserstolfionenkonzentration des Blutes ist abhängig vom Verhältnis der freien physikalisch gelösten Kohlensäure und dem Biearbonatgehalt. Während im gesunden Organismus ein genügend hoher Kohlensäuredruck eine schwache Acidose bedingt, besteht beim krebskranken Organismus inlolge der Sauerstoffnot der Gewebe reflektorisch eine erhöhte Kohlensäureabatmung bei niedrigem Kohlensäureangebot, da die Oxydationen der Nahrungsstoffe zu Kohlensäure und Wasser infolge Zerstörung der Atmungsfermente stark eingeschränkt sind, der niedrige Kohlensäuredruck bedingt aber eine Abnahme der Wasserstoffionenkonzentration, also eine Verschiebung der Blutreaktion nach der alkalischen Seite.

Eine entsprechende Frischkosternährung (und damit muß man Waerland recht geben) vermag infolge der Vitamin-Mineralsalz- usw. Zufuhr noch intakte oxydo-reduktions-fähige Gewebe in den Stand zu versetzen, das Säure-Basen-Gleichgewicht in ihren Bereichen aufrecht zu halten und kompensierend zu wirken, jedoch ist damit der durch Fermentstörung verursachten Alkalose nicht beizukommen, da die Ursache ganz woanders liegt. Die Lösung des Problems, wie Waerland sie andeutet, ist z. T. sehr richtig, nur die Folgerungen sind falsch; denn nicht die Uebersäuerung ist die grundlegende Ursache der meisten Krankheiten, sondern die meisten Krankheiten, insbesondere der Krebs, sind mit einer Alkalose verknüpft. Um dieses zu bekämpfen, muß allerdings der Hebel an anderer Stelle angesetzt werden; einer vollwertigen Frischkosternährung kommt im Krankheitsfalle jeweils nur eine unterstützende normalisierende, ansonsten in erster Linie eine große prophylaktische Bedeutung zu, wobei der Weg doch „hintenherum" über viele kleine Zahnräder in das Stoffwechselgetriebe, und

nur mit einem Zahn oder zwei kleinen Zähnen vielleicht in den Säure-Basen~Haushalt eingreift.

Es mögen wohl an die 30 Jahre her sein, als der Münchner Chemiker Prof. v. Kapff zufällig beobachtete, daß in Zellulosefabriken und Säurebetrieben arbeitende Menschen so gut wie gar nicht an Erkältungskrankheiten, wie Schnupfen, Husten und sonstigen Leiden der Atmungsorgane erkranken. Er erkannte bereits damals, daß durch das ständige Einatmen von Säurepartikeln, d. h. durch Säureinhalation der diesen Zivilisationskrankheiten als Plattform dienenden Alkalose entgegengewirkt wird.

In richtiger Erkenntnis dieser Zusammenhänge schuf von Kapff die nach ihm benannte Säuretherapie, bei der verschiedene Säuren in bestimmter Zusammensetzung auf verschiedene Weise als Aerosol eingeatmet werden können. Diese Säuretherapie hat sich sowohl als vorbeugendes Mittel, als auch zusätzliches, die Alkalose bekämpfendes Therapeutikum bei vielen Krankheiten, besonders der Atmungsorgane, und auch beim Krebs, vorzüglich bewährt, was Verfasser auf Grund eigener Erfahrungen bestens bestätigen kann.

Wie schon betont, liegt die Bedeutung einer vollwertigen und frischkostreichen, nicht denaturierten Nahrung nicht so sehr in ihrern sogenannten Basenreichtum und wir brauchen den Kalk nicht, um den Körper zu entsäuern, wie G. Frot&eher meint, sondern die vollwertige Frischkost liefert dem Organismus Vitamine, die als Bestandteile der Fermente notwendig sind. Mineralstoffe, als Aktivatoren und CaElemente dieser Fermente Aufbaustoffe der Oxydationsfermente, wie die Porphyrine, usw.

Das eine Prozent in den Geweben als Komplettsalz und in den Säften als Ion kreisendes Calcium -hat ün Gegensatz zur plastischen Funktion des Calciums im Knochen eine dynamische Funktion und fungiert als aklUviererides bezw. als hemmender Faktor verschiedeneT Fermente, übt eine entquellende und rnembrandichtende Wirkung aus, usw. Es bestehen ziemlich verwickelte Beziehungen zwischen dem Natrium, dem Kalium, der Kohlensäure und den Phosphaten einerseits und den Calcium- und Magnesiumionen andererseits. Das Verhältnis zwischen diesen Ionenarten wird von den Hormonen der Hypophyse, Nebenschilddrüsen, Nebennieren, usw. gesteuert und vom Enzymsystem der Phosphatasen bestimmt, so kommt es bei einer Senkung des Blutcalciumgehaltes von 12 auf 7 mg % zu einem Uebergewicht der Phosphat- und Bicarbonatwerte, d. h, zu einer Alkalose, und es treten tetanische Muskelzuckungen auf, nicht aber weil "die Säuren durch den Kalk neutralisiert werden".

Gewiß: "Gesundheit, Kraft und gesunde Entwicklung kommen von richtiger Nahrung". Diese Feststellung galt schon zu Hippokrates Zeiten vor 2300 Jahren und gilt noch heute. Die physiologische Deutung der an und für sich unbedingt erforderlichen vollwertigen Kost jedoch nur auf die Grundvoraussetzung einer basischen, die Uebersäuerung neutralisierenden Wirkung abzustellen, schießt am Ziel vorbei, weil diese Dinge viel komplizierter sind. Es ist bedauerlich, daß man in der Reformliteratur unumstößliche Wahrheiten und gute Ratschläge in einem Hexenkessel von Irrtümern zusammenrührt und daraus das Gespenst der Uebersäuerung aufsteigen läßt. Ein Ueberrnaß an Säurebildung soll sich vor allem in Rheumatismus und Gicht äußern; die alkalischen Salze, Kalium, Natrum, Kalk und Magnesium sollen diese Säuren neutralisieren. Saneta simplicitas.

Wenn wir also in Waerlands Schrift die Spreu vom Weizen sondern, so können wir gerechterweise seine Vorschläge einer vollwertigen und frischkostreichen Nahrung wohl gutheissen, bezüglich seiner physiologischen Deutungen jedoch, welche das Schreckgespenst der Uebersäuerung an die Wand malen, müssen wir die eingangs gestellte Frage, ob die Uebersäuerung als Grundursache aller Krankheiten angesehen werden darf, verneinen.

Siehe hierzu auch: Könemann, Das Basen- und Säure-Verhältnis und der Kalium - Calcium - Antagonismus, in Bionomica 4 und 5/1953.

 


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