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Wissenschaftliche und therapeutische Mitteilungen Cesra-Arzneimittelfabrik Julius Redel, Baden-Baden, 9/10-1958

100 Jahre Naturheilkunde

Von Dr. med. K. W I N D S T O S S E R,  Bad Wiessee

Hat der Begriff „Naturheilkunde“ in der heutigen Welt, angesichts einer Überfülle wissenschafilicher Erkenntnisse und Errungenschaften, überhaupt noch eine Berechtigung? Ihre Gegner wenden gerne ein, daß doch jede Medizin auf biologischen, natürlichen Grundlagen beruhe. Alle naturheilkundlichen Bestrebungen seien deshalb eine Anmaßung, zumindest aber eine historisch überholte Angelegenheit.

Es ist daher zunächst nötig, sich über den Begriff Klarheit zu verschaffen. Naturheilkunde bedeutet eine Kunde, eine Lehre von den Heilmöglichkeiten, wie sie die Natur, und zwar die uns umgebende und beeinflussende Natur im Ganzen, insbesondere aber die speziell menschliche Natur mit ihren Besonderheiten bietet. Der Mensch als Gattung und als Individuum hat sich seit der Zeit seines Ursprungs mit diesen natürlichen Lebensbedingungen auseinandersetzen müssen. In dieser Auseinandersetzung hat er sich gebildet und entwickelt. Sie bewirkte in steter Förderung Gedeihen, Gegenwehr oder Untergang. Die Geschichte dieser Auseinandersetzung ist gleichzeitig die Geschichte des Menschen, ontogenetisch sich wiederholend bei der Entstehung und Entwicklung des einzelnen Individuums über Kindheit und Embryonalstadium zurück bis zum Augenblick der Befruchtung.

Die Naturheilkunde umfaßt also alle Faktoren, die als gesetzmäßige Kräftedie Entwicklung des Menschen ermöglichen und seinen Lebensbestand auf die Dauer sichern. Es sind dies in der Hauptsache: Ernährung und Atmung, frische Luft, Sonnenlicht, Wasser, Kälte, Wärme und alle sonstigen Hautreize, Bewegung und Ruhe, vor allem aber der rechte Gebrauch der seelisch-geistigen Kräfie.

Jeder einzelne dieser Faktoren stellt einen Reiz dar, von dessen Qualität und Quantität Wohlbefinden oder Krankheit abhängt. Die fortschreitende Zivilisation hatte zur Folge, daß die Wirkungsbreite dieser lebenswichtigen Reize zum Nachteil der Gesundheit einerseits sehr eingeschränkt wurde, während andererseits eine Fülle neuer, schädlicher Reize hinzukam, die ursprünglich von der Natur nicht vorgesehen waren, mithin unbiologisch sind. Die Naturheilkunde erstrebt also die Ausschaltung solcher schädlichen Reize einerseits, die individuelle Zuteilung natürlicher, förderlicher Reize andererseits, wobei deren zeitliche Dauer, Kombination und Aufeinanderfolge über den gesundheitlichen Erfolg entscheidet. Naturheilkunde im strengsten Sinn schließt Arzneimittel nicht in sich ein, doch hat man sich daran gewöhnt, die aus dem Naturreich unmittelbar stammenden Medikamente, Kräuter, Mineralien usw. zu ihr zu zählen. Eine Sonderstellung nimmt hierin die Homöopathie und Biochemie ein, die sich hochverdünnter, entmaterialisierter Arzneien bedient und ihre Heilerfolge durch peinlich genaue Anpassung eines der Gesamtheit der Krankheitserscheinungen entsprechenden Mittels an den Kranken erreicht. Ihr verwandt an individueller Feinarbeit ist die Psychotherapie. Ihr Ziel ist es, den Kranken wieder zu einem richtig reagierenden, selbständig handelnden, voll verantwortlichen Menschen zu machen. Sie erreicht dies in leichten Fällen durch klärende Aussprache, Entspannung und Suggestion, in schwereren Fällen durch Hypnose und Tiefenanalyse.

Objekt der Naturheilkunde ist also nicht die Krankheit, sondern stets die kranke Persönlichkeit. Naturheilkunde ist Arbeit am Menschen. Deshalb ist sie eine kulturelle Aufgabe, die weit hinausreicht über das, was man gemeinhin als Medizin bezeichnet. Nur unter diesem Gesichtswinkel ist der grundsätzliche Unterschied dieser beiden Richtungen klar erkennbar.

Wandern wir ein Jahrhundert exakt-wissenschaftlicher Forschung zurück. Sprunghaft entwickeln sich organische und anorganische Chemie, Pathologie, Bakteriologie, Asepsis, Strahlenkunde. War ROKITANSKY, der große Wiener Anatom, noch auf die Erkennung krankhafter Organveränderungen mit dem freien Auge angewiesen, so kam VIRCHOW 50 Jahre später, bewaffnet mit dem Mikroskop, zu dem Schluß, daß die veränderte Zelle Anfang und Ende jeder Krankheit sei. Jedes Organ des Menschen, jeder einzelne seiner Stoffwechselvorgänge wurde immer klarer durchschaubar. Die Bücher und Zeitschrifien der Welt füllten sich mit Teilergebnissen. Die Chirurgie feierte seit LISTER, BILLROTH, BERGMANN, ESMARCH Triumphe. Bald gab es kein Organ mehr, das nicht mit dem Messer angegangen werden konnte, keinen noch so gewaltigen Eingriff, den man - gestützt auf Narkose und Operationstechnik nicht wagen konnte. Die pharmazeutische Industrie trat auf den Plan. Sie lieferte immer mehr fix und fertige „Spezifika“, tausende, zehntausende von Präparaten, Tabletten, Injektionen, samt Gebrauchsanweisung, gegen jede Krankheit etwas. Und die Sozialversicherung tat das ihre, um - gestützt auf „Vertrauensarzt“ und „wirtschaffliche Verordnungsweise“ - den neuen Berufstyp des „Kassenarztes“ zu schaffen.

Nur eines hatte bei all diesen erstaunlichen Fortschritten Not gelitten: der kranke Mensch. Er war zu einer Summe kranker Organe und Organsysteme geworden, die abwechselnd mal von dem, mal von dem Spezialisten behandelt wurden. Sonderbar genug, daß gerade die jüngsten Forschungsergebnisse - wenn auch leider wieder gewonnen an Tausenden toter oder halbtoter Versuchstiere - sich wieder mehr mit der Einheit, Totalität des lebenden Organismus befassen, so u. a. die in den letzten Jahren veröffentlichten Arbeiten RICKER's und SPERANSKY's überdie zentral-nervöse Steuerung aller Stoffwechsel- und Krankheitsvorgänge.

Biologisches Denken und Handeln stand zu solch einseitigem Analysieren und Sezieren stets in Widerspruch. Naturärztlicher Betrachtungs- und Behandlungsweise konnte immer nur der Ganzheitsbegriff des gesunden und kranken Menschen zugrundeliegen. Wo die Schulmedizin Zustände, Folgen, Teilerscheinungen erfaßt und behandelt, ändert die Naturheilkunde Bedingungen, Voraussetzungen, und hat damit die größere Reichweite. Da sie die Gesamtpersönlichkeit zum Gegenstand hat, setzt sie seitens des Kranken auch stets mehr voraus, als dies etwa die Verordnung einer Injektion oder Operation tut, die ohne jede eigene Leistung rein passiv hingenommen wird. Die Naturheillehre sieht in der Krankheit keineswegs etwas Negatives, unbedingt immer zu Bekämpfendes, da die Krankheit ja zumeist bereits den Heilungsvorgang darstellt. Häufig versucht sie die Symptome, die Ausscheidung, den Ausschlag, das Fieber, die Entzündung noch zu fördern, um so den Organismus in seinem Ausgleichsbestreben zu unterstützen und damit eine umso sicherere Heilung zu erzielen. Ob wir diese Heilkraft in uns nun den „inneren Arzt“ mit PARACELSUS, den „Heiltrieb“ mit Geheimrat BIER oder die „Selbststeuerung des Organismus“ mit Prof. KLEIN und Prof. BRAUCHLE nennen, es sind dies nur verschiedene Namen für das Wunderbare, Göttliche im Menschen, das allein unser Werden, Sein und Vergehen bestimmt.

Eine unwissenschaftliche, volkstümliche Richtung der Heilkunde, ausgeübt durch Scharfrichter, Schäfer, Mönche, alteFrauen, Hebammen usw. gab es schon seit jeher. Wir begegnen ihr bei PARACELSUS, der sich rühmt, von den „fahrenden Leuten“ Nützlicheres gelernt zu habenals auf den hohen Schulen, und der schließlich ein erbitterter Gegner der dogmatischen Medizin seiner Zeit wurde. In seinen Spuren wandelte 300 Jahre später HAHNEMANN, der geniale Begründer der Homöopathie. Galt bis dahin die Lehre „je schwerer die Krankheit, desto kräftiger die Arznei“, so bewiesen die auf homöopathische Weise erzielten Heilungen die Unhaltbarkeit dieser These. HAHNEMANNs großes Verdienst ist die Methode einer neuartigen Arzneimittelfindung an Hand der Ähnlichkeit des Vergiftungsbildes eines Mittels, verglichen mit dem damit zu behandelnden Krankheitsbild. Je größer diese Ähnlichkeit, desto geringer die Arzneimittelmenge, mit der eine Heilung zu erzielen ist. Eine wahrhaft revolutionäre Entdeckung, die HAHNEMANN kaum weniger Mißgunst und Verfolgung eintrug, als sie sein großer Vorgänger PARACELSUS zu ertragen hatte. Unstet trieb es ihn von Ort zu Ort, bis er 1843, hochbetagt und von unzähligen dankbaren Patienten und Schülern betrauert, in Paris starb.

Auch manch anderer natürlicher Behandlungesform begegnen wir schon Jahrhunderte früher, wie etwa den Thermen des Altertums, den Badestuben des Mittelalters. Sie gerieten in Vergessenheit und mußten erst durch HAHN, SCHROTH, OERTEL, PRIESSNITZ (sämtliche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts) wiedererweckt werden.

Um die Mitte unseres Jahrhunderts konnte die deutsche Naturheilbewegung ihr ziemlich genau 100-jähriges Bestehen feiern. Sie entstand als Antwort auf die im 19. Jahrhundert einsetzende einseitig materialistische Entwicklung der Schulmedizin. Der Name wurde 1849 von dem damaligen Militärarzt Dr. GLEICH geprägt, dem gleichen Jahr, in dem auch die Geburtsstunde der Kneippkur schlug. Veranlaßt durch ein Büchlein von Dr. Sigmund HAHN über die segensreiche Wirkung des kalten Wassers nahm am 18. Oktober 1849 der junge Student Sebastian KNEIPP in Dillingen sein erstes kaltes Bad in der Donau. Er setzte diese Wasseranwendungen auch während seines weiteren Studiums fort, genas von einem schweren Lungenleiden und wurde selbst ein begnadeter Heiler für Zehntausende von Kranken. Aus allen Weltteilen pilgerte man nach Bad Wörishofen, und in den 80-er Jahren waren nur zwei deutsche Namen in Amerika in aller Mund: BISMARCK und KNEIPP.

Bald wurde die Hydrotherapie auch von begeisterten Ärzten aufgegriffen und weiterentwickelt: WINTERNITZ, SCHWENNINGER (später Leibarzt BISMARCKs und erster Leiter eines Naturheilkrankenhauses in Berlin-Lichterfelde), SCHUNENBERGER (später Leiter der hydrotherapeutischen Abteilung der Berliner Universitätsklinik und erster Professor für Naturheilverfahren), HAUFFE (Schüler SCHWENNINGERs), KLEIN (später Leiter der Poliklinik und Klinik für Naturheilverfahren in Jena). Neue Ernährungslehren für Gesunde und Kranke gewannen an Boden. In Deutschland wirkten BALTZER und SCHLICKEYSEN, die ersten Vorkämpfer des Vegetarismus auf verlorenem Posten, Dr. LAHMANN und Dr. MOLLER, die Begründer bekannter Sanatorien auf dem „weißen Hirsch“ bei Dresden, in der Schweiz Dr.BIRCHER-BENNER, der große Ernährungsforscher, in England Dr. HAIG, Dr. Mac CARRISON, in Amerika Dr. DEWEY, der Neuentdecker der heilsamen Fastenkur. STEINMETZ und GRAHAM bemühten sich um die Verbesserung des Brotes, DAMASCHKE wies auf die Wichtigkeit natürlicher Bodenverhältnisse für eine gesunde Ernährung des Menschen hin. Jahrhunderte lang verhüllte man den Körper ängstlich vor Luft und Licht. Die Folgen waren Bleichsucht, Tuberkulose, Rachitis. Langsam brachen sich auch hierin vernünftigere Ansichten Bahn. Man begann im Freien zu baden. Prof. JÄGER trat für luftdurchlässige, schweißaufsaugende, hygienischere Kleidung ein. Rudolf JUST und Pastor FELKE ließen ihre Patienten in offenen Häuschen im Freien schlafen und badeten sie in Lehm. Schon 1855 hatte der Schweizer Färbereibesitzer RIKLI die erste Sonnenheilstätte errichtet. Wieder wurden Ärzte durch einen Laien auf ein neues natürliches Heilverfahren aufmerksam. FINSSEN in Schweden und ROLLIER in Leysin erzielten bei Knochen-, Gelenk- und Drüsentuberkulose großartige Heilerfolge mit systematischer Sonnenbestrahlung. Allerorts entstanden Kurorte und größere private Heilanstalten für Wasser-, Diät- und sonstige Naturheilanwendungen.

Den immer mehr anwachsenden Heilerfolgen der biologischen Medizin konnten schließlich auch Kliniker von Rang und Namen ihre Anerkennung nicht länger versagen. 1925 erschien der erste bahnbrechende Aufsatz von Geheimrat Prof. BIER in der Münchener Medizinischen Wochenzeitschrift: „Wie sollen wir uns zu der Homöopathie stellen?“. Ein Sturm von Diskussionen, Erwiderungen und Angriffen war damals die Folge. Die Schulmedizin verübelte es BIER anfangs sehr, daß er sich derart offen zur „gegnerischen“ Ansicht bekannte. Seine ebenso schlichte wie überlegene Antwort lautete: Es ist ein Zeichen von geistiger und moralischer Gesundheit, wenn die Vertreter eines Faches, das auf Abwege zu geraten droht, die Kraft und den Mut aufbringen, notwendige Reformen selbst ins Werk zu setzen und sie sich nicht von anderen aufzwingen lassen."

Von diesem Zeitpunkt an begann sich die Naturheilkunde und Homöopathie noch machtvoller zu entwickeln. Große Universitätskliniken richteten hydrotherapeutische und homöopathische Abteilungen ein, in Berlin und Leipzig wurden Dozenten für Homöopathie zugelassen, Robert BOSCH errichtete das nach ihm benannte homöopathische Krankenhaus in Stuttgart, in Berlin-Mahlow entstand das „Prießnitzhaus“, in Dresden die Abteilung des Johannstädter Krankenhauses für Naturheilverfahren (bekannt unter den Namen „Rudolf Heß-", später „Gerhard-Wagner-Krankenhaus“), an dem unter der Leitung von Prof. BRAUCHLE von 1934 bis 1944 etwa 40 000 Kranke aller Art klinisch behandelt wurden und zahlreiche Ärzte in laufenden Kursen ihre biologisch-medizinische Ausbildung erhielten.

Als jüngsten Zweig der Naturheilkunde dürfen wir diePsychotherapie bezeichnen. Sie bedient sich der geistig-seelischen Kräfte zur Heilung und wird zweifellos immer unentbehrlicher und wichtiger werden, je differenzierter, vergeistigter, intellektueller die Menschen werden. Vor 100 Jahren herrschten einfachere Lebensformen; die Mehrzahl der Menschen lebte primitiver als heute. Mit dem Aufkommen der Industrie, der Technik, der Verstädterung wuchsen die Ansprüche, wuchsen aber auch die Konflikte. Man kann das 20. Jahrhundert fast als das Jahrhundert der Neurosen bezeichnen. Denn kaum einer von uns ist frei von irgendwelchen leib-seelisch bedingten Fehlleistungen, beruhend auf einer Gehetztheit und psychischen Belastung, wie sie die Menschheit kaum je in ihrer Geschichte zu ertragen hatte. Als Vorläufer der Psychotherapie mag der schwäbische Arzt MESMER gelten, der Ende des 18. Jahrhunderts durch Handauflegen und Anwendung kleiner Magnete heilte. Wir wissen heute, daß ein Teil jeder ärztlichen Beeinflussung auf der Übertragung lebendigerKraft („animalischen Magnetismus“ nannte sie MESMER) beruht. Soweit sich nicht Psychologen und Philosophen für Teilgebiete derselben interessierten (KANT und CARUS, der Freund GOETHEs, gehörten zu diesen), führte die Psychotherapie als eigenes Heilfach ein sehr bescheidenes Dasein in der Hand einiger weniger Magnetiseure und Hypnotiseure. Ein bedeutender Wandel trat erst um die Jahrhundertwende ein, als Sigmund FREUD mit seinen Forschungen an die Öffentlichkeit zu treten begann. FREUD gab den ins Unterbewußtsein verdrängten animalischen Trieben hauptsächlich sexueller Art die Schuld an den mannigfaltigen neurotischen und psychotischen Störungen und versuchte, diese „verdrängten Komplexe“ durch Psychoanalyse dem Bewußtsein zugänglich zu machen und damit zu „entgiften“. Alfred ADLER verschob die Entstehungstheorie der Neurosen vom rein Triebhaften mehr ins allgemein Psychologische. Nach ADLER liegt in jedem Menschen Geltungsbedürfnis und Minderwertigkeitsgefühl in ständigem Kampf. Flucht in die Neurose kann ein Ausweg bei diesem Kampf sein. Mit der Erkenntnis und Klärung dieser Konflikte erzielt die ADLER'sche Individualpsychologie ihre Heilungen. Die jüngste Psychotherapie geht noch einen Schritt weiter. Sie verlegt das Schwergewicht jeder seelischen Heilung von der Psychoanalyse zur „Existenzanalyse“, d. h. sie setzt sich nicht mehr allein die Leistungs- und Genußfähigkeit des Menschen zum Ziel, sondern faßt auch seine Leidensfähigkeit als eine grundsätzlich mögliche, häufig genug notwendige Aufgabe ins Auge. Mit dieser Wendung zum Ethisch-Religiösen wird die moderne Psychotherapie - bisher den Neurologen, Psychiatern und Psychotherapeuten vorbehalten - Angelegenheit jedes Arztes, insbesondere jedes Naturheilarztes; sie läßt den Arzt wieder zum Seelsorger werden, zum Priesterarzt, der er ursprünglich war; sie läßt jede Heilung unter Mitwirkung des wiedererweckten Verantwortungsbewußtseins zu einer eigenen, echt biologischen Leistung des Kranken werden; sie tritt vor allem am Schmerzenslager des unheilbar Kranken in Kraft, dessen Schicksal nicht mehr gestaltend, sondern nur noch duldend zu bewältigen ist.

Nur bei derart umfassender Betrachtung werden wir der Naturheilkunde gerecht. Sie hängt keinen phantastischen Spekulationen nach, sondern fordert nichts mehr und nichts weniger als eine Wissenschaft, die mit dem Leben kongruiert. Sie wünscht sehnlichst einen Einbau ihrer Lehren in den Ausbildungsgang des Medizinstudenten, ihrer Erfahrungen und Methoden in das Rüstzeug der Kliniken und Krankenhäuser. Doch nicht als Anhängsel, gelegentlich oder in anderweitig vergeblich behandelten Fällen „auch zu versuchen“, sondern als Haupt- und Examensfach, als Grundlage jeder anderen Therapie, möge diese heißen wie immer, „Ordnungstherapie“ nennt BIRCHER-BENNER die Naturheilkunde, anzuwenden an einer in Unordnung geratenen Menschheit. Die Arzte der heutigen Schule sind für diese Aufgabe nicht gerüstet. Es bedarf einer Wandlung der Schule, neuer Ärzte ! Was gibt denn dem ärztlichen Tun seinen Sinn? Daß nach den Regeln der ärztlichen Kunst und Wissenschaft gehandelt wird? Daß im vorliegenden Fall diese oder jene Arznei, Operation oder Injektion zur Anwendung kommt? Keine Berufserfüllung, so glaube ich, besteht nur in der Befolgung erlernter Vorschriften. Erst was der Arzt bei seiner Arbeit täglich neu erlebt, täglich anders, täglich wandelbar und täglich anpassungsfähig, macht ihn zum Arzt und unterscheidet ihn vom Techniker.

Dies ist im weitesten Sinn Naturheilkunde, die notwendige Heilkunde unseres Jahrhunderts. Möchten sich viele Ärzte zu ihr berufen fühlen, damit die kostbare Hinterlassenschaft einer Generation begeisterter und opferbereiter Naturforscher und Naturheilbehandler in guten Händen bleibe!

 

 


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