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WERNER ZABEL-INSTITUT, DR. MED. KARL WINDSTOSSER MOLTKESTRASSE 13, 4902 BAD SALZUFLEN, TEL.05222/10127

STELLUNGNAHME ZU DER DPA-MELDUNG "REFORMHAUS-VOLLKORNPRODUKTE OFT SCHÄDLICH".

Die unter diesem Titel in verschiedenen Tageszeitungen, auch in Nr. 177 der LIPPISCHEN LANDESZEITUNG erschienene dpa-Meldung bedarf in ihrer vorliegenden Form dringend der Richtigstellung.

Das vom gelben Schimmelpilz Penicillium flavum gebildete Aflatoxin beschäftigt die Wissenschaft erst seit etwa 20 Jahren. Man entdeckte damals den Zusammenhang dieses Giftes mit dem gehäuften Auftreten von Lungenkrebs bei Eingeborenen in Afrika, die sich über längere Zeit von feucht gelagerten, verschimmelten Erdnüssen ernährt hatten. Es kam außerdem 1961 in England zu einem Massensterben von Truthühnern, die mit Erdnussmehl aus verdorbener, ebenfalls feucht gelagerter Ware gefüttert worden waren. Der gelbe Schimmel kann ferner Ölpresskuchen befallen, wodurch Aflatoxin sogar in die Milch gelangen kann. Er wächst außerdem auf Paranüssene Hasel- und Walnüssen, Mandeln, Mohnsamen sowie auf allen Getreidearten einschließlich deren Mahlprodukten, jedoch immer nur unter der Voraussetzung feuchter und zu langer Lagerung.

Obwohl auf Grund unserer Lebensmittel-Gesetzgebung dem Verkauf und der Verarbeitung verschimmelter Erdnüsse und anderer Nahrungsmittel bereits weitgehend vorgebeugt ist, trat am 1. März 1977 eine spezielle, vom Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit geschaffene Aflatoxin-Schimmelpilz-Verordnung in Kraft. Sie legt die Höchstgrenzen dieser Pilzgifte in einer Reihe von Produkten fest, bei denen unter ungünstigen Umständen mit Schimmelpilzbefall zu rechnen ist.

Nachdem in dieser Weise seitens der Hersteller und Händler bereits optimal vorgesorgt ist, braucht der Konsument bei richtiger, trockener Aufbewahrung im Haushalt und rechtzeitigem Verbrauch keine Verschimmelung zu befürchten. Trotzdem aufgetretener Schimmel, sei es auf Brot, Teig, Getreideprodukten, Fleisch, Obst, Konserven usw. wird man selbstverständlich schon aus allgemein hygienischen Gründen unter Mitnahme des darunterliegenden Nährbodens so gründlich wie möglich entfernen. Denn auch Kochen vermag das Schimmelpilzgift nicht zu zerstören. Der gelbe Schimmel ist jedoch unter hunderten von Pilzarten relativ selten. Auch die in manchen Käsesorten enthaltenen Schimmel sind in keiner Weise gesundheitsschädlich. Sogar das Wundermittel Penizillin wird aus bestimmten Schimmelpilzen hergestellt.

Was die krebskrank gewordenen Afrikaner betrifft, so wurden dort über lange Zeit solche Mengen der verhängnisvollen Nüsse verzehrt, wie man sie hierzulande ohnehin kaum ißt. Außerdem wissen wir nicht, ob dabei nicht weitere krebsbegünstigende Faktoren, etwa Unterernährung, Vitaminmangel, zusätzliche Erkrankungen etc. mitgespielt haben. Alle sicheren Kenntnisse über die Aflatoxinwirkung stammen aus Tierversuchen. In Europa wurden Leberschäden oder Krebserkrankungen auf dieser Basis beim Menschen bisher nicht nachgewiesen. Innerhalb der unübersehbaren Zahl sicher krebserzeugender oder krebsbegünstigender Umwelteinflüsse unserer Breiten dürfte dem Aflatoxin jedenfalls eine ganz untergeordnete Rolle zukommen.

Keinesfalls darf eine Warnung vor dieser Gefahr jedoch zu einer unnötigen Verunsicherung und Verängstigung der Öffentlichkeit führen, wie dies hier leider geschehen ist. Vollkornprodukte jeder Art und jeder Zubereitung sind und bleiben lebenswichtige Grundlagen der menschlichen Ernährung. Ihre seit einem Jahrhundert fortschreitende Verdrängung durch die hochkalorischen, ballaststoffreien Kohlenhydrate Weißmehl und Zucker mußte mit Gebissverfall, Stuhlträgheit, Wirbelsäulen- und Gelenkleiden neben anderen gesundheitlichen Defekten bezahlt werden. Weißmehl und Zucker werden von Schimmelpilzen kaum befallen, weil sie selbst für diese niederen Lebewesen keine geeignete Nahrung darstellen. Die von der Hausfrau wenig geschätzte Schimmelanfälligkeit des Vollkornbrotes und der Vollkornprodukte ist andererseits geradezu ein Beweis für deren hohe biologische Wertigkeit.

Beim richtigen Quellen von Vollkornschrot bzw. beim Quellen und Ankeimen von Vollkorn (Weizen, Roggen, Hafer usw.) wird jede Schimmelbildung verhindert, wenn das Wasser nach 24 Std. abgegossen wird und das Getreidegut bei täglich einmaliger gründlicher Durchspülung evtl. weitere 24 - 48 Std. nur feucht, also ohne Wasser, bei Zimmertemperatur stehen bleibt. Ein so zubereitetes Vollkornprodukt - etwa als Basis für das morgendliche Bircher-Müesli - ist besonders hochwertig, gesundheitfördernd und bekömmlich, weil es nicht durch Hitze denaturiert ist. Es tritt durch die Quellung bzw. Keimung eine Vervielfachung der Vitalstoffe und Enzyme ein bei gleichzeitiger Umwandlung der für den Menschen relativ schwer verdaulichen Stärke in das zuckerähnliche Dextrin. Statt vor solchen Lebensmitteln zu warnen, sollte ihr Verzehr in jeder Hinsicht gefördert und propagiert werden. Seien wir glücklich, daß wir in Deutschland Vollkornbrot und Vollkornprodukte in einer Qualität und

Vielfalt zur Verfügung haben, wie nicht in allen unseren Nachbarländern. Der dpa-Beitrag bedarf auch insofern einer Richtigstellung, als er in ganz einseitiger Weise die "Reformhaus-Vollkornprodukte" aufs Korn nimmt, obwohl viele der verdächtigten Produkte auch außerhalb der Reformhäuser in Supermärkten handelsüblich sind. Hier tritt eine gegen das Reformhaus generell gerichtete Animosität zutage, der man jede Berechtigung aberkennen muß. Mag auch in manchen Reformhäusern der ursprüngliche Idealismus einem zeitgemäßen Merkantilismus teilweise oder ganz unterlegen sein, so spielt diese Branche doch eine äußerst wichtige, durch nichts zu ersetzende Rolle in der Aufklärung, Verhütung und Bekämpfung vieler zivilisationsbedingter Gesundheitsschäden, solang diese noch nicht des ärztlichen Rates bedürfen.

6.8.78, Dr.Windstosser, Bad Salzuflen

NB! Es wurde vergessen, darauf hinzuweisen, daß auch bei der Bierbrauerei Gerste oder Weizen tagelang angekeimt wird. Demnach müßte auch das Bier als aflatoxingefährdet gelten.

 

 


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