
![]()
|
|
Veröffentlichungen
|
|
Sonderdruck aus: Krebsgeschehen
Deutsche Zeitschrift für Onkologie, Verlag für Medizin Dr. Ewald Fischer GmbH Heft 2/1986 Individuelle Sauerstoff-Adaptation bei der KrebstherapieVon K. Windstosser Seitdem wir wissen, daß die fehlgesteuerte Zellatmung, die Dysoxibiose, zwar nicht die einzige, aber eine der wichtigsten Voraussetzungen zur Karzinogenese ist, hat sich die Behandlung Krebskranker und Krebsgefährdeter mit zwei- und dreiwertigem Sauerstoff zu einer kaum mehr steigerungsfähigen Perfektion und Mannigfaltigkeit entwickelt. Viele von Ihnen bedienen sich einer dieser ja auch bei anderweitigen Hypoxien und Durchblutungsstörungen bewährten Methoden. Sie alle kennen die unkomplizierte, einfache Sauerstoffinhalation, populär geworden als Bestandteil der Mehrschritt-Therapie nach von Ardenne, die dosierte intravenöse Sauerstoff-Insufflation nach Regelsberger, die gasförmige O2- oder O2O3-Injektion, schließlich auch die technisch etwas aufwendigere extrakorporale Imprägnation kleinerer oder größerer Mengen Eigenblut mit aktiviertem Sauerstoff und deren Re-Injektion oder -Infusion, wie sie Wehrli als HOT vor etwa 40 Jahren entwickelt hat. Die apparative Zuverlässigkeit all dieser Verfahren wurde im Laufe der Zeit von verschiedenen Firmen anerkennenswerterweise verbessert, die neuesten Geräte finden wir ausgestellt und vorgeführt auf jedem unserer Kongresse. Der therapeutischen Erfahrung widmen sich mehrere ärztliche Gesellschaften und Arbeitskreise, deren Mitglieder in Kursen und Vorträgen laufend über die Grundlagen und den jüngsten Stand der Sauerstoffbehandlung informieren. Eine weitere Präzision und Individualisierung haben diese Therapieformen während der letzten Jahre durch die exakteErfassung der Sauerstoffbilanz erfahren. Dies gelingt wahlweise über zwei Faktoren, entweder über den sowohl perkutan als auch intravasal messbaren Sauerstoff-Partialdruck P02 oder über das diesem proportionale, nur im strömenden Blut erfaßbare Redoxpotential rH2- Beide Parameter sind hinsichtlich ihrer Aussagekraft gleichwertig, sie differieren zwar erheblich im arteriellen und venösen Blut, müssen aber hier wie dort innerhalb bestimmter altersentsprechender Bereiche liegen. Verringert sich der Abstand beider Werte, so bedeutet das, daß das arterielle Blut zu wenig Sauerstoff aufgenommen hat und hypoxisch zirkuliert. Das venöse Blut dagegen bleibt in diesem Fall im durchströmten, dysoxiblotisch veränderten Gewebe stärker mit nicht verwertetem Sauerstoff beladen als normalerweise mit Kohlensäure, sein Kohlensäure-Partialdruck PC02 ist zu tief gegenüber seinem Sauerstoff-Partialdruck P02, der ebenso wie sein Redoxpotential zu hoch liegt. Es ist dies die typische Situation bei allen mit Dysoxibiose verbundenen Erkrankungen einschließlich des Krebsgeschehens. Dieses wird ja außerdem noch charakterisiert durch eine der Malignität mit nur wenigen Ausnahmen proportionalen Alkalose des venösen Blutes. Es hat keinen Sinn, sie hier mit wissenschaftlichen Zahlen dieser Systeme zu belasten. Wer sich Mit P02-, rH2- oder pH-Messung befassen möchte, muß sich ohnehin zunächst im Apparate-Angebot zurechtfinden und entscheiden. Es gibt nicht sehr viele Firmen auf diesem Gebiet, und diese sind gelegentlich jeder Ausstellung medizinischer Geräte vertreten. Grundsätzlich kommt es darauf an, das Redoxpotential rH2, das Wasserstoffpotential pH und den venösen Sauerstoff-Partialdruck P02 zu senken, wodurch sich gleichzeitig die arteriovenöse P02-Relation verbessert. Den Kolleginnen und Kollegen, die ihrer Sauerstofftherapie eine solide wissenschaftliche Basis geben wollen, ist trotz der nicht unerheblichen finanziellen Investition die meßtechnische Erweiterung ihrer Praxiseinrichtung in der einen oder anderen Weise unbedingt zu empfehlen. Von ähnlicher fundamentaler Bedeutung für eine personotrope Behandlung sind zwei weitere biologische Faktoren, ohne deren Berücksichtigung und Einbeziehung die Sauerstoff-Therapie - in welcher Form auch immer - unberechenbar und letzten Endes unbefriedigend bleiben muß. Erinnern wir uns der als Lebenswerk unserer unvergessenen österreichischen Kollegen und Forscher Pischinger und Kellner vorliegenden Lehre der Systemischen Grundregulation. In dieser finden alle unsere ganzheitsmedizinischen Bemühungen - nicht nur um den Krebskranken - ihre wissenschaftliche Erklärung und Rechtfertigung. Die Pischinger-Kellnersche Lehre besagt und beweist, 1. daß sich sämtliche lebenserhaltenden zellulären und humoralen Regulationsvorgänge primär im weichen Bindegewebe abspielen, 2. daß dieses Bindesgewebe immer ganzheitlich reagiert, sowohl im physiologischen als auch im pathologischen Fall. Schon hundert Jahre vor Pischinger hatte Raynaud (1834-1881) das mesenchymale Bindegewebe keineswegs als indifferentes Stroma, sondern als das größte, ubiquitäre und innersekretorische Organ erkannt. Es ist der letzte Rest embryonal gebliebenen Gewebes, fähig zu allen erforderlich werdenden histochemischen und zellulären Aufgaben. Große Kliniker unseres Jahrhunderts wie Abderhalden, Hoff, Krehl, Fromme u.a. haben sich zu einer ähnlichen Auffassung bekannt. Der medizinischen Nutzanwendung dieser Erkenntnis stand nur immer wieder die auch für die Weiterentwicklung der Krebstherapie so verhängnisvolle lokalpathologische und organspezifische Krankheitslehre im Weg. Dem Geschwulstgeschehen und allen anderen therapieresistenten Erkrankungen liegt eine mesenchymale Reaktionsstarre zugrunde, verursacht durch die von Generation zu Generation potenzierten psychosomatischen Belastungsfaktoren und Verhaltensfehler, deren Aufzählung sich hier erübrigt. Die mesenchymale Reaktion auf diese Einwirkungen verhält sich genau nach den Regeln der vegetativen Persönlichkeit, dem Konstitutionstyp. Der eine bekommt einen Herzinfarkt, der andere Krebs, der dritte wird hundert Jahre alt. Mit dieser Gesetzlichkeit haben sich außer Pischinger und Kellner zahlreiche andere Forscher und Ärzte beschäftigt, unter denen ich ohne Anspruch auf Vollzähligkeit hier nur alphabetisch aufzählen möchte: Bergsmann, Curry, Hoff, Kötschau, Lampert, Standenath, Zabel. In seiner Betrachtung über die "Wirkprinzipien der Therapie" schreibt Hoff, "daß es keine therapeutische Methode gibt, die im Sinne einer einfachen physikalischen Kausalität auf ein krankes Organ oder gar auf das komplexe Phänomen Krankheit einwirkt. In jedem Fall ist zwischen dem angewandten Heilmittel und dem krankhaften Vorgang der Gesamtorganismus mit seinen vielfältigen und individuell so unterschiedlichen Regulations- und Reaktionsmöglichkeiten eingeschaltet". Innerhalb des mesenchymalen Geschehens obliegt dem vegetativen Nervensystem die wichtigste kybernetische Aufgabe des Organismus. Es steuert die Gesamtheit aller neuro-vegetativen, humoral-hormonalen und physikalisch-chemischen Vorgänge. Je nach ihrer Mittellage und Reaktionstendenz unterscheiden wir den vagotonen und den sympathikotonen Typ. In ihrer ausgeprägten, unipolaren Form finden wir diese beiden Typen freilich nur bei etwa 15% der mitteleuropäischen Bevölkerung. Ein etwa ebenso hoher Prozentsatz weist eine weitgehend stabile Mittellage zwischen den beiden Extremen auf. Die restliche Mehrzahl gehört dem Mischttyp an mit mehr oder weniger ausgeprägter Tendenz nach der vagotonen oder sympathikotonen Seite. Vergleichen wir mit dieser Polarität nun noch die Varianten der vorhin beschriebenen individuellen Sauerstoffbilanz, so zeigt sich, daß die Vagotonie im wesentlichen mit deroxidativen, alkalotischen Tendenz, der trophotropen Reaktionslage nach Hess, dem A-Typ nach Lampert, dem kaltfrontempfindlichen K-Typ nach Curry korresprondiert, während die Sympathikotonie mehr der ergotropen Reaktionslage, dem B-Typ nach Lampert bzw. dem warmtrontempfindlichen W-Typ nach Curry entspricht. Daß der ausgeprägte Vagotoniker leptosom-asthenisch, der Sympathikotoniker pyknisch-athletisch sein soll, trifft durchaus nicht immer zu. Eher kann man Schlüsse ziehen aus dem persönlichen Verhalten, dem Charakter, der Ausdrucksweise, dem Händedruck, der Kleidung, den Lebens- und Ernährungsgewohnheiten, der Partnerwahl. Exakte Hinweise geben dem damit erfahrenen Untersucher die verschiedenen Meßmethoden der Hautpotentiale, sei es die EAV, die BFD, das Decoder-Dermogramm oder auch die Thermoregulations-Diagnostik. In den fünfziger Jahren haben Hauswirth und Rilling gemeinsam mit dem Physiker Kracmar ein Verfahren entwickelt, das den Hautwiderstand und die Hautkapazität, von Hand zu Hand gemessen, zum Gegenstand hat. Das mehrere Jahre lang gebaute Gerät, der Biotonometer, ist leider nicht mehr im Handel, für diejenigen, die es besitzen, aber immer noch voll brauchbar, da es keiner Abnützung unterworfen ist. Die Normwerte des Gesunden bewegen sich im Widerstand R zwischen 8 und 15 k ohm, dessen oberer Bereich oder steigende Tendenz die Vagotonie kennzeichnet, während die Kapazität C normalerweise zwischen 2,9 und 3,6 nF liegt und im oberen Bereich bzw. bei Überschreitung des Grenzwertes nach oben die Sympathikotonie anzeigt. Meistens verhalten sich die beiden Werte in ihrer Bewegung reziprok. Das einzige derzeit im Handel befindliche und empfehlenswerte Meßgerät der vegetativen Reaktionslage ist der Normotonometer (Hersteller: Biomed-Elektronic, Buxtehude). Im Vergleich zum alten Biotonometer zeigt er nicht nur sehr exakt die R- und C-Werte, sondern auch die Abweichungen nach der sympathikotonen oder vagotonen Seite in Prozenten an. Die Ablesung der Kapazität erfolgt hier in nF, beim Biotonometer in pF, was einem Unterschied lediglich der Meßeinheit um den Faktor 100 entspricht. Mit den beiden vegetativen Reaktionslagen sind bestimmte Krankheitsdispositionen verbunden, die ich hier nur insoweit aufzählen möchte, als sie mit dem Krebsgeschehen und der Präkanzerose zusammenhängen. Vagotonie mit vorwiegend oder ständig 15 k ohm überschreitendem Hautwiderstand, evtl. bei gleichzeitiger, die 3,6 nF-Grenze überschreitender Hautkapazität, finden wir beim älteren Menschen, bei allen sklerosierenden Prozessen, ganz allgemein bei maligner Tendenz, besonders beim Lungen- und Mamma-Ca, beim Herdgeschehen, das wir ja immer mit der krebsbegünstigenden Mesenchymblockade in Verbindung bringen, dann bei allen Schockzuständen und - worauf ich besonders hinweisen möchte - als Folge jeder Narkose. Sie belastet mesenchymtoxisch und immunsuppressiv den ohnehin vorwiegend vagotonen Krebskranken weit mehr als der chirurgische Eingriff selbst. Es sollte aus diesem Grund bei Tumorresektionen soweit nur möglich von der Lokal-, Semental- und Spinalanästhesie Gebrauch gemacht werden. Außerdem lassen sich die operativ- und postoperativ drohenden Gefahren dadurch verringern, daß man den Patienten präoperativ entherdet, ihn einigemale in geeigneter Form Mit O2O3 behandelt und ihm wenigstens noch zwei- bis dreimal Elpimed forte spritzt. So, wie die Dinge liegen, wird es aberwohl noch einige Ärztegenerationen lang bei der Verständnislosigkeit der Chirurgie für ganzheitsmedizinische Erfordernisse bleiben. Eine trotz gut gewählter Therapie zunehmende Vagotonie oder zur Vagotonie umschlagende Sympathikotonie bedeutet immer eine schlechte Prognose. In finalen Geschwulststadien nimmt auch die Diskrepanz der sympathiko-vagalen Meßwerte mehr und mehr zu. Sympathikotonie mit dominierenden C-Werten um und über 3,6 nF herrschen physiologisch vor bei Kindern, Jugendlichen und ausgeprägten Sympathikotonikern, pathologisch bei malignen Lymphomen und Leukosen, beim Hypernephrom, Ovarialkarzinom, Seminom, Phäochromozytom und beim Melanom. Damit komme ich zum letzten Teil meiner Ausführungen: Die Verwendung ionisierten Sauerstoffes in der Krebstherapie. Ionen sind Molekülgebundene positive und negative Ladungseinheiten. Sie sind ebenso lebensnotwendig wie die als kleinste Lichteinheiten definierten Photonen. Zunehmende Ionisierung steigert auch die Photonenaktivität. Ionen finden sich massenhaft in der Natur, wir nehmen sie mit der Nahrung und mit jedem Atemzug genau wie die Photonen zu uns. Die erdnahe Atmosphäre im Freien enthält je ml tausende solcher Ladungen, unter denen die positiven gegenüber den negativen mit etwa 2/3 vorherrschen. In geschlossenen Räumen sinkt diese Zahl je nach Baumaterial, Belüftung und Atmungsfähigkeit des Hauses erheblich ab, in Eisenbetonbauten und in klimatisierten Räumen sind nur noch einige wenige Ionen je ml vorhanden. Geräte zur künstlichen lonisierung der Luft erzeugen vorwiegend negative Ionen. Ein solcher Übergang ist, wie wir gleich hören werden, nicht für jeden Konstitutionstyp geeignet. Natürliche Zunahme ausgeglichener lonisierung erfolgt bei starker Sonneneinstrahlung oder im UV-Licht, bei elektrischen Entladungen, im magnetischen Kraftfeld und, bei der feindispersen Zerstäubung oder Verdampfung von Wasser, deshalb auch bei Regen und Nebel, in der Umgebung von Wasserfällen (Bad Gastein) und Gradierwerken. Wer nicht ionisierten, also elektrostatisch indifferenten Sauerstoff therapeutisch anwendet, kann damit durchaus Erfolg haben, er sollte sich dann nur darüber klar sein, daß er reaktionstypenmäßig nicht gezielt vorgeht. Nicht ionisierter Sauerstoff kann bei hohem Redoxpotential, also schlechter Utilisation, zu unerwünschter Stauung im arterio-venösen Blut führen. Die hauptsächlich von den Kollegen Engler und Kief erarbeitete Inhalation ionisierten Sauerstoffes - und nur um diese handelt es sich hier - ist deshalb unbedingt ein Fortschritt in der Therapie chronisch-degenerativer Erkrankungen. Der ionisierte Sauerstoff darf nicht befeuchtet werden und nicht mit Metall in Berührung kommen, er muß des weiteren absolut frei von Ozon und von Metallen in noch so geringen Spuren sein. Diese Bedingungen sind technisch nicht ohne Schwierigkeiten zu erfüllen, denn es handelt sich bei der Ionisation immer um Spitzeneffekte metallischer Elektroden, die ohne besondere Vorkehrungen immer auch kleinste Mengen von Ozon oder von Metallionen abgeben. Meines Wissens und meiner Erfahrung nach gibt es nur ein in dieser Hinsicht qualifiziertes Gerät auf dem Markt, der von Firma Biomed-Elektronic hergestellte Ionopront. In der Praxis hat sich die mit einiger Elastizität zu handhabende Regel ergeben, daß der Vagotoniker vorwiegend positiv ionisierten Sauerstoff bekommen sollte. Dieser steigert die Sauerstoff-Utilisation, wirkt oxidationsfördernd, antialkalotisch und sympathikoton. Der Sympathikotoniker dagegen benötigt negativ ionisierten Sauerstoff, weil dieser auf die vorhandene oxidative Tendenz reduzierend, sauerstoffsparend, also antioxidativ und vagoton wirkt. Die Inhalationsbehandlung mit ionisiertem Sauerstoff setzt die laufende Messung der vegetativen Bilanz mit dem Normotonometer voraus, weil man sich nur an Hand dieser Werte der jeweiligen Reaktionslage anpassen kann. Ist diese indifferent, also ohne wesentlichen Übergang nach der einen oder anderen Seite, so hat sich die alternierende Einatmung positiver und negativer Ionisation, jeweils etwa 5 Minunten und dies in drei- bis viermaligem Wechsel, bewährt. Im übrigen läßt man den Patienten 15-20 Minuten lang die ihm adäquate Ionisation inhalieren und wiederholt dies zunächst täglich, später jeden 2. bis 3. Tag. Je nach Kräftezustand kann er dabei liegen oder sitzen. Die beste Wirkung ergibt sich bei gleichzeitiger körperlicher Aktivität. Ist der Patient dazu in der Lage, kann man ihn also unter angemessener Belastung auf den Laufsteg stellen oder auf das Fahrradergometer setzen. Stets bestimmen Arzt und Patient gemeinsam den Behandlungsmodus. Medizinische Technologie darf unserer Kritik und Überwachung nicht entgleiten. Nur als Dienerin, nicht als Beherrscherin des Menschen beweist sie ihre Berechtigung. Am Beispiel der Sauerstofftherapie in ihren verschiedenen Formen habe ich versucht, dieser Forderung Ausdruck zu geben. (Anschrift des Verfassers: Dr. med. Karl Windstosser, Humboldtstr. 14, 4902 Bad Salzuflen) |
NEU: www.windstosser-museum.info
|
Zu
Fragen über das Copyright © Jörg Rinne, 2015 |