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Ist unsere Jugend gesund ?

Dr.med.K.Windstosser, Kurarzt, Bad Wiessee

Ein Staat, der seine Jugend in geistiger oder leiblicher Hinsicht vernachlässigt und diese nicht für sich gewinnt, ist ohne Zukunft. Es gibt in dieser Beziehung in der Bundesrepublik Erscheinungen, die zum Wirtschaftswunder in einem gewissen Gegensatz stehen und uns nachdenklich machen sollten.

Die Jugend unserer Zeit weiß mehr von technischen Dingen, sie ist skeptischer, unromantischer und steht den konkreten Fragen des Alltags selbstverständlicher und unkomplizierter gegenüber als die Heranwachsenden früherer Generationen. Leider beobachten wir aber andererseits eine oft geradezu groteske Uninteressiertheit, Unkenntnis und Ehrfurchtslosigkeit in den Fragen, des Lebens, des Lebendigen und der ihm übergeordneten Gesetze. Dies mag damit zusammenhängen, daß es unserer Jugend in den meisten Fällen an Vorbildern und an liebevoller Führung durch Eltern und Schule fehlt. Mit dem Riesenwuchs und der äußerlichen Frühreife geht Hand in Hand eine innere Unzufriedenheit, Unsicherheit und Anfälligkeit, wie sie bei Gleichaltrigen vor wenigen Jahren in diesem Maß noch nicht zu beobachten war. Dazu kommt, daß die Anforderungen der Schule die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit unserer Kinder oft erheblich übersteigen, besonders, wenn Unterrichtsform, Schulweg, Familienleben und sonstige soziale Bedingungen zusätzliche Belastungen mit sich bringen (Schlüsselkinder, Schichtunterricht, Schulraumnot, Lehrermangel etc.). Auch der physische Gesundheitszustand ist dementsprechend labil und zwar sowohl bei der ländlichen wie städtischen Jugend, wobei letztere durch vermehrten Sport, bessere Körperpflege und. vielseitigere Ernährung sogar noch etwas vorteilhafter abschneidet. Die schulärztlichen Untersuchungen geben erschreckende Zahlen an Entwicklungsstörungen, Haltungsanomalien, Wirbelsäulenschäden, Knick-, Senk- und Spreizfußbildung, Gebißverfall usw., wobei schon längst kein Unterschied mehr besteht zwischen Kindern aus verschiedenartigen sozialen Schichten. Bei 30 % aller Schulpflichtigen ist Nervosität und Konzentrationsschwäche feststellbar, oft in einem Grad, daß es diesen Kindern nicht gelingt, das Ziel der Klasse zu erreichen. Die "Managerkrankheit" bei 13- und 14-jährigen ist ein erschreckendes Novum unseres Jahrhunderts.

Leidet das körperliche-Reaktions- und Reaktivierungsvermögen Not, so ist in solchen Fällen auch mit Sport allein wenig auszurichten, zumal der Sport unserer Tage kein entspannender, belebender, atemgesetzlicher Sport der Antike mehr ist. Eine oft völlig verfehlte Freizeitgestaltung schädigt mit Lärm, Hetze, Sensation und Reizüberflutung das Nervensystem der Jugendlichen weiter und ist ihrem inneren Wachstum alles andere als zuträglich. Die Bevölkerungsumfrage eines bundesdeutschen Meinungsforschungsinstitutes ergab kürzlich, daß fast 2 Millionen Kinder im Alter von 2 bis 16 Jahren, das 28 % aller Kinder dieser Altersstufen, allabendlich vor dem Fernsehgerät sitzen. Fast 1/3 derselben, also etwa 9 % aller Kinder zwischen 2 und 16 Jahren, sehen sich täglich das Abendprogramm mindestens bis 21 Uhr an. Eine andere Umfrage ergab, daß bei zahlreichen Familien zwar ein Fernsehgerät, aber nicht für jedes Kind eine eigene Zahnbürste oder ein eigenes Bett vorhanden ist. 1961 wurde festgestellt, daß von den 850 000 Wohnungen in West-Berlin

420 000 weder Bad noch Dusche haben. In 150 000 Wohnungen fehlt die eigene Toilette. Die

Industriegebiete an Rhein und Ruhr weisen in dieser Beziehung ähnliche Verhältnisse auf.

Jazz, Modetänze, Schnulzen, Kino-Thrill und Teenager-Kult sind unzureichende, vorwiegend von einer geschäftstüchtigen Industrie geschaffene Kompensationsversuche dieser Mißstände, die an den wesentlichen Zusammenhängen aber nichts ändern.

Eines der traurigsten Kapitel ist der Selbstmord Jugendlicher, der sich in der Bundesrepublik jährlich mehrere hundertmal und in zunehmender Häufigkeit ereignet, abgesehen von den Selbstmordversuchen in noch höherer Zahl. Forscht man nach der Ursache solch tragischen Versagens, so sind es hauptsächlich 4 Gründe: Allgemeine Lebensangst, schlechte Noten, Angst vor Strafe und - bei älteren Jugendlichen- Liebeskummer. Ein Kölner Kinderpsychologe, der bei einer Reihe von Kinderselbstmorden Nachforschungen anstellte, kam zu dem Schluß "Sensible Kinder sind in unserer Zeit besonders bedroht. Sie laufen

Gefahr unterzugehen in einer Masse, die alles nach dem äußeren Erfolg beurteilt. Unsere Gesellschaft schwört zu sehr auf den Ellbogenmenschen“. Eine Lehrerin schreibt zu diesem Problem: "Die Kleinen haben von den Erwachsenen den Rekordrummel abgesehen. Sie empfinden es unbewußt bereits als Niederlage, wenn sie die anderen nicht haushoch übertrumpfen". Und wie wenig Eltern und Erzieher verfügen über die nötige Zeit und Ruhe, um sich den hieraus entspringenden Schwächen, Ängsten und Konflikten ihrer Pflegebefohlenen wirksam widmen zu können!.

Fehlernährung und Genußgifte bedrohen unseren Nachwuchs zusätzlich in bisher nicht dagewesenem Maß. Die Tabak- und Alkoholwerbung wendet sich mit Vorliebe an die Jugend und bedient sich in Wort und Bild besonders gerne des Sex appeal. Sie suggeriert dem jungen Menschen, er steigere Geltung und Erfolg gegenüber dem anderen Geschlecht, wenn er sich der Zigarette oder des Drinks bediene. Kürzlich war in der Presse zu lesen, daß 1/4 der Mittelschüler in Nordrhein-Westfalen Gewohnheitsraucher seien. Anderen Pressemeldungen war.zu entnehmen, daß einige besonders fortschrittliche Schulleiter nicht nur in Berufschulen, sondern auch in Mittelschulen sog. "Qualmecken" oder "Raucherabteile" eingerichtet hätten, damit die armen, süchtigen Schäler nicht mehr in die Aborte zu flüchten brauchen und ihren Raucherkomplexen ungehindert freien Lauf lassen können, um keinen seelischen Schaden zu nehmen !

Alkohol und Nikotin sind bekanntlich Schrittmacher sexueller Entgleisungen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß seit einigen Jahren die bisher für besiegt gehaltenen Geschlechtskrankheiten wieder zunehmen, und zwar hauptsächlich unter den Jugendlichen und Minderjährigen. Sie sind - nicht nur in Deutschland - zu einem ausgesprochenen Teenagerproblem geworden, wie auch die weibliche Prostitution für diese Altersstufen in den letzten Jahren besonders an Bedeutung gewonnen hat.

Auch die Zunahme der Jugendkriminalität muß jeden verantwortungsbewußten Erzieher und Arzt bedrücken. 16 % aller Kapitalverbrechen werden von Jugendlichen und Minderjährigen begangen. Es spiegeln sich auch hier die Hemmungslosigkeit und Vorbildlosigkeit wider, der Drang nach falschverstander Freiheit und nicht zuletzt die Überreste einer politischen und militaristischen Vergangenheit, deren Anhänger auch heute wieder Macht vor Recht zu setzen sich anschicken.

Eine Wendung dieser in jeder Beziehung bedrohlichen Situation unserer Kinder und Jugendlichen ist ausschließlich davon abhängig, ob es gelingt, auch die Eltern und Erzieher wirksam aufzuklären über die Erfordernisse einer vollwertigen Gesundheitslenkung und Gesundheitserziehung. Schule und Staat fallen dabei weit größere Aufgaben zu, als sie bisher von diesen Stellen erfüllt wurden. Aber auch die familiäre Umgebung des Kindes muß wieder zum Vorbild, zum "Nest" werden. Eine zersplitterte Familie, ein überreizter Vater, eine berufstätige, übermüdete Mutter, zu junge, oft auch zu bequeme Eltern, ohne Zeit und Einfühlungsvermögen für ihr Kind, können diese verantwortungsvolle Aufgabe nicht erfüllen. Der große, innere Zusammenhang zwischen körperlichem und sittlichem Niedergang muß von den Erziehern ebenso wie von den staatlichen und kirchlichen Organisationen erkannt und ernstgenommen werden. Es muß eine fortschrittliche Lebens- und Ernährungslehre schon in den höheren Klassen der Schulen einsetzen. Aber auch die Erwachsenenerziehung muß in einer von konjunkturellen und wirtschaftlichen Interessen frei gehaltenen Weise auf die gesunde Lebensführung, auf die Verantwortung der Vater- und Mutterschaft und auf die richtige Ernährung des werdenden Kindes schon im Mutterleib ausgerichtet werden. Es ist insbesondere eine gründlichere schulärztliche Betreuung und ferner eine gesetzlich geregelte Schulzahnpflege zu fordern. Gesundheitlich oder sittlich gefährdeten Kindern ist ein individuelles, nicht nur durch die Jugendämter und Bewährungshelfer allein garantiertes Augenmerk zu widmen. Es ist eine gründliche Untersuchung noch vor der Schulentlassung zu fordern, die den Jugendlichen ebenso konstitutionell wie psychologisch zu erfassen hat, damit einerseits gesundheitliche Mängel noch vor Eintritt in das Berufsleben erkannt werden, andererseits hinsichtlich der Berufswahl gesundheitliche und psychologische Momente in gleicher Weise berücksichtigt werden können.

Zur rechten gesundheitlichen Erziehung gehört auch eine vernünftige Sexualpädagogik, die wir insbesondere angesichts der zunehmenden Häufigkeit sexueller Verfehlungen Jugendlicher fordern müssen. Die Jugend von heute ist nicht schlechter als die Jugend von gestern. Sie ist jedoch in einer Zeit vielfältiger Notstände und Überreizungen auch auf dem Gebiet des Geschlechtlichen gefährdeter und hilfloser als die Jugend früherer Generationen. Sexualpädagogik wird in der Bundesrepublik nur von einigen wenigen dazu befähigten Persönlichkeiten und Organisationen betrieben und gefordert. Leider ist auch die Schule, die in Anbetracht der Unfähigkeit der meisten Eltern dazu besonders berufen wäre, bisher weder autorisiert noch in den seltensten Fällen personell und mit Lehrmitteln entsprechend ausgestattet, wie dies in den skandinavischen Ländern mit bestem Erfolg seit vielen Jahren so gehandhabt wird. In einigen Bundesländern ist es den Lehrern sogar verboten, sexuelle Themen ohne ausdrückliche Genehmigung der Eltern im Unterricht zu besprechen. Sozial verantwortliche Kreise müssen alle diesbezüglichen Bemühungen intensivst unterstützen, damit wir auf Bundes- und Landesebene endlich einen Durchbruch in diesem bisher so vernachläßigten Erziehungsproblem erzielen. Die Mitarbeit der Landeselternbeiräte ist dabei von wesentlicher Bedeutung. Bei den Kultusministerien muß Verständnis für die Sexualpädagogik geweckt und diesbezügliche Unterrichtspläne müssen in die Lehrerbildung aufgenommen werden. Es wird noch lange dauern, bis alle persönlichen und religiösen Vorurteile und Widerstände überwunden sein werden. Aber unsere Jugend braucht eine wirksame und rasche Hilfe, die sie zur Ehrfurcht vor den Lebens- und Zeugungsgeheimnissen führen soll. Nur durch ein besseres Wissen dieser Dinge kann Verirrungen und Verführungen vorgebeugt werden.

Auch die Verhütung krimineller Entwicklungstendenzen gehört hierher. Prof. Sievers setzte sich auf der kürzlich in Regensburg abgehaltenen Tagung der "Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen" für eine Reform des Strafrechts und Strafvollzugs bei jugendlichen Verbrechern ein. Für kriminell besonders gefährdete oder rückfällige Minderjährige muß nach seiner Ansicht eine Strafanstalt neuen Typs geschaffen werden, in der unter Anwendung einer wesentlich längeren.Strafdauer als bisher nach modernen Methoden der Arbeitstherapie und der medizinisch-psychotherapeutischen Richtung vorgegangen werden müßte. Z.Zt. können jugendliche Mörder beispielsweise nur mit höchstens 10 Jahren bestraft werden. Der bisher bei solchen Strafen vertretene Gedanke einer abschreckenden Wirkung und die mitunter ungeeignete Durchführung des Strafvollzugs hat sich nicht bewährt, sondern macht die jugendlichen Täter nicht selten noch anfälliger für neue Verbrechen und Vergehen.

Es ist dies ein weiter, widerstandsreicher Weg, der insbesondere auch nur dann erfolgreich gegangen werden kann, wenn Staat, Kommunen und Familien über die nötigen Geldmittel verfügen, die heute noch zwecklos mit Milliardenetats für Rüstung und Kriegsvorbereitung

verpulvert werden. Aber wenn es uns gelingt, unsere Jugend in dieser Weise körperlich und seelisch in Ordnung zu bringen und ihr diese Ordnung zu erhalten, wird sie uns dankbar sein, und wir können uns darauf verlassen, daß auch unsere gesellschaftlichen und politischen

Anliegen einst von Menschen übernommen und weitergetragen werden, die psychisch und physisch die Kraft, Gesundheit und Verantwortung zu ihrer Realisierung besitzen.

 

 


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